Kunstmuseum aan zee Collecties van
de Vlaamse Gemeenschap
en
Stad Oostende

Ein Museum in Bewegung

Diese Seite enthält einige Texte von Phillip Van den Bossche, dem Direktor und Konservator des Mu.ZEE.

Das Museum und die Kollektion in mehrfacher Hinsicht

When I close a book
I open life
(Pablo Neruda)

Die gesellschaftliche Rolle des Museums des 21. Jahrhunderts ist in seiner wichtigsten Kernaufgabe enthalten: aktives Sammeln und die Kollektion immer wieder neu aktivieren. Das Museum sammelt nämlich „Bilder von der Wirklichkeit, die Überreste unserer vergänglichen Erfahrung, die für uns eine gewisse Unsterblichkeit garantieren“. Das Zitat stammt vom argentinischen Autor Alberto Manguel: „Gemälde, Filme, Musik, Bücher sind das Gepäck des Universums. Sie sind robust und haltbar, während unsere Eigenschaften als Mensch vergänglich und flüchtig sind.“ 
Jedes Kunstwerk wächst und verändert sich durch endlose Interpretationen und Lesarten verschiedener Bevölkerungsgruppen, von Jung und Alt. Die Kollektion ändert sich, indem die Welt in all ihrer Diversität hereingelassen wird. Die Kollektion ist das geeignete Mittel, neue demografische Verbindungen herzustellen und in die Zukunft zu investieren. Dazu muss das Museum zeitgenössische Formen der (digitalen) Kommunikation anwenden und pädagogische Aktivitäten einrichten, die gemeinsam mit breiten Gruppen in der Gesellschaft ausgearbeitet werden. Wahrnehmung schafft die Welt. Das Museum des 21. Jahrhunderts ist nicht radikal, aber kritisch. Es stellt die Verknüpfung her zwischen Reflektion und Teilnahme, zwischen wissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Praxis, zwischen früher und jetzt, zwischen Künstlern. Das Museum ist unkritisch, wenn es versucht, seine eigenen Richtlinien durchzusetzen, und die Debatte auf pure Eigenwerbung reduziert.
Soziale und kulturelle Veränderungen haben ihre Rückwirkung auf die Art und Weise des Sammelns und des Ausstellens. Momentan befindet sich das Museum in einer neuen experimentellen Phase. Es hat lange unverändert funktioniert und ist niemals weit von seinem historischen Ursprung und seiner konsolidierten Form aus dem 19. Jahrhundert abgewichen. Eine Reihe von Faktoren sorgt dafür, dass sich das Museum jetzt Veränderungen stellen muss und sich ‑ von Künstlern angetrieben ‑ auch tatsächlich ändert. Heutige Künstler imitieren, verwenden und modifizieren verschiedene Arten von historischen Dokumenten und Geschichten. Diese sind das Material geworden, auf das sie sich beziehen. Sie transformieren das ‑ lange ausschließlich auf Objekten beruhende ‑ Museum in ein Archiv. Dadurch werden Museen animiert, ihre Organisationsstruktur anzupassen, Ausstellungen als temporäre Sammlungen zu definieren und das Kollektionskonzept viel weiter als objektmäßig aufzufassen. Wir suchen und sammeln mit wechselnden externen Partnern Verbindungen. Dabei spielen die Geschichte einer Kollektion und der geografische Ort, von dem aus das Museum operiert, eine entscheidende Rolle. Das ist nämlich eine Methode, den Abstand zwischen dem Einzelnen und der Welt wieder zu verringern. Ausgehend von der eigenen Geschichte einer Kollektion können vorübergehende Zusammenhänge hergestellt werden, ist zum Beispiel eine Kollektionsmobilität kein Tabu mehr und öffnet sich die Möglichkeit zu einem Dialog zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Wenn das Museum diesen Weg einschlagen und gehen darf, seine Kollektion kritisch pflegen kann und auf eine aktive Weise seine Sammlungen mit Neuerwerbungen bestückt, wird es ein Archiv für die Zukunft. Die persönlichen Bücher von Permeke und die Fotos über unseren kolonialen Blick auf den Kongo von Sammy Baloji (mit Aquarellen von Léon Dardenne aus dem Jahr 1898 im Hintergrund), eine reliefartige Radierung von Ensor und „das Parfum“ des Ladens seines Onkels und seiner Tante in der Vlaanderenstraat; die Installation (…) STAIN …) von Ana Torfs und ein Plakat von Michel Seuphor in Zusammenarbeit mit Piet Mondriaan, ein Film, in welchem Frauen über Fèz, Casablanca (und indirekt Brüssel) von Manon de Boer und Nedjma Hadj erzählen, The London Bulletin von E.L.T. Mesens, ein Kinderbuch von Floris Jespers und Jan Peeters, ein Malbuch für Erwachsene von Jef Geys, die Erinnerungen eines Besuchers an die Ausstellung Paul Joostens usw. ‑ das sind Archivstücke, die, jetzt und später, unsere Wahrnehmung verändern und ein Höhle-von-Chauvet-Gefühl kreieren können: Die Felszeichnungen sind die Wirklichkeit und wir sind vorübergehende Schatten, die die Wirklichkeit mit einer temporären Lichtquelle beleuchten.


Phillip Van den Bossche
Direktor Mu.ZEE, Ostende