Kunstmuseum aan zee Collecties van
de Vlaamse Gemeenschap
en
Stad Oostende

Ein Prolog in fünf Sätzen

Im April 2019 hat Pascale Marthine Tayou eine Einzelausstellung im Mu.ZEE. Der Künstler ist aber schon seit Februar 2018 im Museum tätig. Er arbeitet an einem „Prolog“, in dessen Rahmen er zu bestimmten Zeiten ein Kunstwerk im Museum aufstellt. Tayou fordert das Mu.ZEE dazu heraus, nicht auf Nummer sicher zu gehen, sondern vom ersten Tag an mit ihm zusammenzuarbeiten und das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit dann auch direkt wieder dem Publikum vorzustellen. Er nutzt das Museum wie ein Laboratorium, einen Ort für Experimente, einen Raum, der in Bewegung bleiben kann. Warum soll man bis 2019 warten, um mit seinen Skulpturen einige Fragen aufzuwerfen, die „heute” gestellt werden müssen? Die intensive Zusammenarbeit mit Pascale Marthine Tayou ist wie die Fortsetzung des Wegs, den das Mu.ZEE bereits vor etlichen Jahren eingeschlagen hat. Das Museum entscheidet sich dabei bewusst für langfristige Projekte mit Künstlern zu gesellschaftlichen Themen. Diese Ausstellungsprojekte verleihen der musealen Debatte über die Dekolonisierung und Dekanonisierung der Sammlungen, sowie dem Nachdenken über das Museum des 21. Jahrhundert neuen Elan.

 

« Pascale Marthine Tayou veut titiller le système . Il veut le provoquer en y injectant des éléments perturbateurs et révélateurs de ce qu’il appelle l’« hyperconscience ». Les espaces frustrés du musée sont de manière métaphorique des espaces frustrés de nos sociétés et de nos consciences. L’état du musée illustre celui de la société en proie à des paradoxes et à une non-conscience d’elle-même. » (Sorana Munsya, Gedanken zu Ein Prolog in fünf Sätzen, 2018)

 

Pascale Marthine Tayou hat als Ansatz für diesen Prolog eine ganz spezifische Sammlungspräsentation im Mu.ZEE mit Kunstwerken von u. a. Jacqueline Mesmaeker, Keith Farquhar, René Magritte, Thierry De Cordier, Sammy Baloji, Franz West und Thomas Schütte gewählt. Als Ausgangspunkt stellte der Künstler zwei gigantische Fotoprints im Raum auf. Auf dem einen Bild ist er selbst zu sehen und auf dem anderen eine Frau. Der Titel Mss und Mr Genter verrät ihre Beziehung. Sie sitzen auf einer Terrasse, das Haus gibt nichts über einen  spezifischen Kontext preis. Ganz gleich, wo sie sich befinden – im Urlaub, irgendwo unterwegs, in Kamerun oder in Gent – sie sind dort zu Hause. Angeregt durch Fragen über „Identität” scheint Pascale Marthine Tayou uns den Ball zurückzuspielen. Unser Versuch, die beiden Figuren zu identifizieren und zu klassifizieren wird durch diese lebensgroßen Porträts abgeblockt, die eigentlich nichts weiter sagen wollen, als: „Die Welt ist groß und gehört uns allen. „Les ailleurs sont ici et vice versa”. Sie sehen vor sich einfach eine neue Generation von Weltbürgern.”

 

Im April fügte der Künstler die Installation Pizza Dogon hinzu. Manuscrits de Tombouctou (2017) besteht aus runden Holzscheiben, auf denen Fragmente aus jahrhundertealten Manuskripten zu lesen sind, die aus Timbuktu stammen. Sie wurden im Raum verteilt und mit drei Neonarbeiten ergänzt. Zu lesen sind dort in der schwungvollen Handschrift des Künstlers die Worte Timbuktu University, die in rote, gelbe und grüne Neonfarben – die Farben der Flagge Malis – übertragen wurden. Timbuktu ist als islamitisches Wissenszentrum bekannt, in dem jahrhundertlang Jura, Mathematik, Medizin, Philosophie und Astronomie gelehrt und der Koran in Hunderttausende von Manuskripten übertragen wurde, die dort bis heute aufbewahrt werden. Timbuktu galt als „unerreichbare Stadt” und ist es bis heute, weil die Stadt, die Region und ihr unschätzbares Wissen, das so alt ist wie die Welt, vom Islamterrorismus bedroht werden. Tayou will mit dieser Installation unsere Aufmerksamkeit auf dieses universale Wissen richten und es buchstäblich zugänglich machen: „La terre comme un pizza est une denrée à partager et à consommer avec modération.”

 

Ende Juni wurde dann  auch noch The Curtain hinzugefügt. Tayou will mit dieser Installation den Begriff „Grenzen” abtasten und mit seiner Arbeit buchstäblich eine Anzahl harter Grenzen mit einem Vorhang aus Holzpfählen markieren, die aus der Decke nach unten ragen. Wir werden heute mehr denn je mit Diskussionen über das Bewachen unserer Grenzen überschüttet, Diskussionen, in denen sich jeder zu verlieren und nicht mehr in der Lage zu sein scheint, die Essenz herauszufiltern. Wir sehen durch die Bäume den Wald nicht mehr. Das einzige, was noch zählt, ist das Bewachen dieser Grenzen.  

 

Ein Prolog in fünf Sätzen wird auch im September und Dezember 2018 weiterentwickelt. Das Projekt dient als Vorbote der Ausstellung, die Pascale Marthine Tayou zusammen mit dem Mu.ZEE 2019 einrichten will.



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